Waehrend unserer bisherigen Reise haben wir so viele Charaktere kennengelernt. Einige von ihnen waren nur auf „laengeren Urlaub“ aus, Andere auf Selbstfindungstrips, Einige studieren hier, suchen Praktika und Andere sehnen sich danach hier ein neues Leben zu beginnen.
Weshalb sind wir hier? Was mache ich hier?
Ich frage mich manchmal, ob sich „die Anderen“ auch diese Frage stellen? Wenn ja, ist das ein eher gutes oder eher schlechtes Zeichen des Selbstzweifels? Wenn nein, ist das falsch oder besser so?
Als wir die ersten gedanklichen Durchlaeufe zu unserem Vorhaben erlebten, planten wir zuerst nur ein halbes Jahr in Australien Geld zu verdienen und ein wenig das Englisch aufzupeppen. Ein paar Wochen spaeter haben wir entschieden, dass wir alles verkaufen und versuchen werden „auszuwandern“. Ob es Australien wird, oder dieses Land nur eine Zwischenstation sein wuerde, das wussten wir nicht. Fakt ist, wir hatten nichts zu verlieren und wollten einen neuen Lebensweg ausprobieren. Wenn nicht jetzt, wann dann?
Gluecksmomente, Freiheit und keine Huerden
Tatsaechlich verlief bisher alles nach „Plan“ (insofern wir ueberhaupt einen hatten) und das Glueck ist stets an unserer Seite. Wir haben wunderbare Menschen kennengelernt, eine Art Familie gewonnen, einen gut bezahlten Job gehabt, sind sehr sehr viel umhergereist…es schnuppert alles nach Freiheit. Irgendwie ist es so viel einfacher als in Deutschland. Ende Juni bekomme ich sogar ein Jobangebot fuer Boehringer in Sydney, im Head Office. Den gesamten Juli sind wir in den Norden und durch’s Outback gereist…es war wunderschoen.
verloren in Sydney
Wir haben unser bisher verdientes Geld fast vollstaendig aufgebraucht (3.000km Fahrt, Attraktionen, Essen, neuer Reifen,…) und kommen ziemlich entspannt am 28. Juli in Sydney an. Wir haben keine Lust auf eine Grossstadt, wir wissen noch nicht wie viele Stunden ich ueberhaupt bei Beohringer arbeiten kann, wir wissen nicht ob Marco einen Job bekommt, wir haben noch keine feste Unterkunft und wir haben wenig Geld, denn das deutsche Konto wollen wir nicht anruehren. Mir gehen all diese Tatsachen durch den Kopf – und Marco auch – und es ist das erste Mal, dass wir unter enormen Druck stehen. Bisher haben wir auf Online-Bewerbungen, welche Marco schon vor Tagen sendete, keine Antworten oder nur Absagen bekommen. Das ist sehr ernuechternd. Ich fuehle mich fuer ihn verantwortlich, immerhin war ich der Ausloeser fuer unsere „Auswanderung“. Der in mir steigende Druck, die nervige Angelegenheit in einer Grossstast im Auto zu schlafen, um Geld zu sparen, die Ungewissheit und einfach alles kommen zusammen. Jegliche Anlaeufe zwecks Housesitting, Couchsurfing und co. gehen ins Leere. Ich habe extrem schlechte Laune, Selbstzweifel, zu wenig Raum und bin ueberfordert. Allein auf eine SMS zu antworten ueberfordert mich. Eine Minute habe ich gute Laune und schaue mit Marco nach Jobs, die naechste Minute bin ich nicht ansprechbar und kann die Worte „Geld“, „Job“ nicht mehr hoeren. Ich fuehle mich fehl am Platz.
Das war der erste Moment, in dem ich mich gefragt habe: Wieso sind wir hier? Ist das alles ein Fehler?
Mir war klar: Zusammenreissen und systematisch alle Probleme loesen und einfach loslegen…doch ich konnte nicht. Was ich brauchte ist ein fester Ort…mit Tisch, mit eigenem Bad, mit Schraenken…mir war egal was es kostet. Ich habe es satt auf „kostenlose Ubernachtungen“ wie Couchsurfing oder Housesitting zu warten bzw. darauf angewiesen zu sein. Die Tatsache, dass man Angst hat keinen Job zu bekommen und umsonst hier ist, oder Marco nichts findet und resignieren koennte, war bedraengend. Doch irgendwo musste neue Kraft ud Motivation her. Also haben Marco und ich am 30. Juli beschlossen uns in eine Art Hotel/ Hostel einzubuchen. Eine Woche in netter Behausung wartete auf uns.
was Freiraum und eine Basis wert ist
Es ist erstaunlich was der Geist mit uns veranstaltet. Keine 15 Minuten nachdem wir eingecheckt haben, ging es mir soo gut. Meine Energie war zurueck und das nur, weil es eine Basis gibt. Dieses Gefuehl, einen Schreibtisch zu haben, sich ausbreiten zu koennen … es faellt mir einfach schwer „vernuenftig“ arbeiten zu koennen, wenn ich keinen ordentlichen Platz hierfuer habe. Den habe ich nun. Wie einen einfache Dinge innerhalb von Minuten den gesamten „Glueckszustand“ veraendern koennen.
Hochphasen, Tiefphasen, Ernuechterung, Hoffnung…
Wir fuhren motiviert zu einer deutschen Baeckerei, welche uns empfohlen wurde und hoffen, dass Marco einen Job bekommt. Als wir dort ankamen, ziehen allerdings wieder Wolken auf, denn es wurde vor zwei Tagen jemand Neues eingestellt. Wir waren zu spaet. Marcos Euphorie loest sich in Luft auf. Wir gehen zu einer anderen empfohlenen Filiale, doch die Filialleiterin ist nicht mehr da. Super, wir sind durch die ganze City gefahren, haben knapp 6 Euro fuer’s Parken ausgegeben und es hat nichts gebracht. Wir beschliessen naechsten Morgen wiederzukommen.
Am 31. Juli stehen wir 10.30 Uhr auf der Matte und die Leiterin Mel ist da. Sie teilt uns mit, sie haette erst Montag jemand Neues eingestellt. Ernsthaft? Sie ruft in einer anderen Filiale an doch diese ist ausgeschoepft. Marco und ich sind enttaeuscht. Mel ueberlegt etwas laenger und ueberlegt Marco woanders unterzubringen, oder eine andere Position in ihrer Filiale zu schaffen. Sie wuerde sich am Montag melden. Bis dahin heisst es warten…
Ich frage mich: Was ist, wenn Marco keinen Job bekommt und ich eventuell nur wenige Tage? Reicht das Geld? Will ich denn Vollzeit bei Boehringer arbeiten? Was wollen wir ueberhaupt? Nach einer ganzen Weile sage ich zu Marco, dass wir uns daran erinnern muessen, weshalb wir hier sind. Wir sind hergekommen, um Neues auszuprobieren; um herauszufinden, wie man ohne Planung und mit wenig Geld leben kann. Wir wollen uns jeden Tag neu ueberraschen lassen. Dass es auch mal weniger sichere und weniger angenehme Tage geben wuerde, war zu erwarte. Kein Grund an allem zu zweifeln.
Bisher hatte sich bei uns alles unerwartet ergeben – und es war immer besser als erwartet. Wir muessen nur daran glauben, dass es diesmal auch so sein wird. Um fuer alles gewappnet und flexibel einsetzbar zu sein, entscheiden wir uns dafuer, eine akkreditierte Baristaausbildung zu machen und zwar gleich uebermorgen! Weiterhin halten wir uns den Plan einer White Card (fuer Arbeiten auf Baustellen) und einer Blue Card (Verkehrs Controller) fuer Marco offen, um auch dort Wissen zu erlangen. Niemals haetten wir das in Deutschland getan.
2. Juli – und wieder hat sich das Glueck gefuegt
Wir haben heute von 10 – 16.30 Uhr ein sehr intensives Barista Training absolviert und so viel Motivation und Energie wie lange nicht mehr. Was auch immer mit dem Baeckerjob oder mit Boehringer passieren wuerde, wir haben einen Backup-Plan und das fuehlt sich gut an. Beladen mit massig neuem Wissen fahren wir „nach Hause“ und fantasieren ueber Kaffee-Jobs. Und dann kam wieder der Schicksals-Zug angefahren: Das Handy klingelt eine Stunde spaeter und guess what? Marco hat morgen ein Probearbeiten in der Baeckerei! Drueckt ihm die Daumen.
Haben wir uns vorgestellt in Sydney zu landen? Moeglicherweise in einer deutschen Baeckerei in Australien zu arbeiten? Eine Barista Ausbildung zu machen? Weiss Gott nicht! Doch genau das ist ja das Spannende…es kommt immer anders als erwartet. Doch was letztendlich zaehlt ist doch nur eins: Es funktioniert, es bezahlt, es ist eine neue Erfahrung, es oeffnet neue Tueren und am Ende waren fast alle Selbstzweifel umsonst.
Hoert nicht auf Zweifel
Egal wie viele von Euch diesen Schritt gewagt haben, Deutschland zu verlassen, und das Gefuehl haben zu scheitern: Ruft euch ins Gedaechnis wieso ihr hier her gekommen seid. Wir vergessen es manchmal und fallen in „deutsche Muster“ zurueck, welche nicht hier her passen. Einige in Deutschland werden sich fragen: „Wie jetzt? Und deshalb sind die nach Australien gegangen? Um Kaffee zu machen?“ Was auch immer wer denkt, no worries! Alles was gluecklich macht und neue Tueren oeffnen, ist perfekt. Es gibt so vieles, was man machen kann, wenn man es will und sich vor allem bewusst macht, wie viel es tatsaechlich gibt! Wer sagt denn eigentlich, dass ihr Manager sein muesst, um gut leben oder gluecklich zu sein? Ich finde man beschaeftigt sich viel zu oft damit, Anderen zu imponieren. Das ist Verschwendung, da es kurzlebig ist.
Auch wenn wir zurueck gehen sollten: Wir haben neue Skills, Boehringer koennte sogar ein Sprungbrett in Deutschland sein. Wer weiss?
Und was habt ihr hier Neues ausprobiert? Hoechstwahrscheinlich ist Einiges davon ein grosses Asset, falls/ wenn ihr zurueck nach Europa geht!